Nerdfee


Tief im Innern, da bin ich zerrüttet.

Es gibt dunkle Ecken in meiner Seele, in die ich mich nicht hinein traue. Die Erinnerungen, die ich dort tief und allein verdrängt, weggesperrt und zurückgelassen habe, sind inzwischen mutiert. Sie ernähren sich von Verzweiflung und Angst und warten nur auf den Moment, mich in die tiefe Hölle ihrer Schmerzen zu reissen.

Diese Hölle, in der meine verdrängten Taten lauern, um mich von innen zu zerreissen, ich bin ihr zum ersten Mal mit 15 Jahren begegnet.

Als ich Silent Hill 2 damals in die PlayStation einlegte, hatte ich keine Ahnung in was ich da hinein geraten würde. Ich dachte ich würde ein Spiel starten, doch ich begann einen Tripp durch einen Ort, an dem kalte Angst mein treuer Begleiter war. Ein Ort der mich einsog und veränderte. Ein Ort der mich gruselte, schockierte, verwirrte, packte und meine Gedanken penetrierte. Ein Ort der mich tiefer berührte und verstörte als es für ein Spiel überhaupt möglich ist.

Von der ersten Minute fühlte ich mit James Sunderland. Er war nach dem Tod seiner Frau Mary vollkommen zerrüttet. Liebe und Sehnsucht trieben ihn dazu, über alle Grenzen der verstörenden Atmosphäre hinauszuwachsen, denn seine totgeglaubte Frau hatte ihm einen Brief geschrieben, dessen war James sich sicher. Sie wollte ihn an ihrem "besonderen Ort" treffen: Silent Hill. James machte sich auf, und ich mich mit ihm. Was ich schon ahnte: Wir würden durch die Hölle gehen.

Doch nach wenigen Schritten war mir klar: Ich habe mich geirrt. Silent Hill ist nicht die Hölle, neben Silent Hill ist die Hölle ein romantisches Wintermärchen.

Vom ersten Moment an war es nicht nur die düstere Grafik, sondern auch der wuchtige, beklemmende Soundtrack, dem ich mich leer hingab. Wie konnte Musik gleichermassen Leid und Hoffnung auslösen?

Nachdem mich der Nebel, dieser verlassenen Stadt, einmal umhüllt hatte, habe ich keine Kraft mehr gehabt, mich der zerrütteten Dunkelheit zu entziehen. Verstörende Geräusche und noch verstörendere Kreaturen liessen mich nicht atmen. Angespannt ging ich Meter für Meter durch den Nebel, nicht ahnend, was mich beim nächsten Schritt erwarten würde.

Ich versuchte der düsteren Stadt auf den Grund zu gehen und Mary zu finden. Jedes Detail saugte ich auf, jeden Schnipsel untersuchte ich gründlich. Obwohl ich Angst hatte mich zu bewegen, so war die Angst vorm Verweilen grösser.

Es gab Momente, in denen ich mehrmals nach Kraft suchte, bevor ich eine Tür öffnete. Doch James grub für die Liebe immer tiefer im Nebel, an Orten an denen aus verdrängten Widerlichkeiten etwas dämonisch Böses gewachsen war.

Die Zwischensequenzen gaben mir so viel Kraft. Es ist unglaublich faszinierend, wie jedes gesagte Wort mich direkt ins Herz traf.

Doch hatte es keine Hoffnung. Es gab keinen Halt in Silent Hill. Egal wie sehr ich versuchte zu verstehen, wie sehr ich helfen oder kämpfen wollte.. Es zog mich nur immer tiefer ins Grauen, so tief und allein konnte auch James irgendwann keine Hoffnung mehr finden. Wir wurden Opfer der kranken Gestalten und Geschehnisse um uns herum.

Es gibt Passagen im Spiel, da habe ich vor Angst das Zimmer verlassen. Der Kerker tief unten, nach einem gefühlt endlosen Sprung ins Schwarze, hat mich an meine Grenzen getrieben. Dieser Ort allein war das grausigste und bedrückendste was ich je sah. Plötzlich hörte ich noch schwere Schritte, ich hatte solche Angst es sei wieder Pyramid Head, der mich nun holen würde. Fast hab ich mir in die Hose gemacht.

Auch das Krankenhaus hinterliess tiefe Spuren in mir. Was anfangs schlicht alt wirkte, veränderte sich nach jeder Aufzugfahrt in unermessliche Albtraumkulissen, die Worte kaum noch beschreiben könnten.

Die Stadt spielte mit mir, es ertönte in all der Grausamkeit, zwischen all dem ächzen und stöhnen und dem lauten Rauschen meines Radios, eine lockere Quiz-Moderation im Aufzug.

Bis zum Ende (und darüber hinaus) bin ich verwirrt. Das Dunkle hat mir die Sinne vernebelt, ich habe mehr Emotionen in diesem Spiel gefühlt, als ich je geglaubt hätte zu empfinden. Ich war an Orten, von dessen Existenz ich nichts wissen wollte. Und ich habe mich selbst getäuscht.

Und dann ist da dieser Moment, als ich den unendlich langen Flur lang schreite und Mary diese markerschütternden Worte vor sich hin philosophiert.. Dieser Monolog riss mir mein Herz heraus.

Ich dachte ich sei der Held, doch am Ende bin ich nur Jemand, der seiner eigenen Hölle begegnet. Jemand der versuchte sein Spiegelbild zu ertragen. Jemand der versuchte sich selbst überhaupt noch im Spiegel zu sehen.

Wenn ich gefragt werde, welches das beste Videospiel ist, so antworte ich: Silent Hill 2. Ein Meisterwerk welches mein Herz, meine Seele und meine Eingeweide eiskalt und schwer, aber auch wunderschön berührt hat. Es ist viel mehr als ein Spiel. Silent Hill 2 hat mich magisch geprägt, ich spiele es traditionell jährlich durch und jedes Mal ist es erneut ein Tripp, am Rande meiner Nerven.

Der Soundtrack begleitet mich täglich. Diese Klänge, diese wunderschönen, verstörenden Klänge, schmerzen mein Herz und streicheln gleichzeitig zart darüber.

Es ist eine tiefe Liebe, basierend auf gemeinsamen Erinnerungen und prägenden Einblicken in die menschliche Hölle..

In my restless dreams, I see that town.